Ein Mainzer Stadtplaner: Egon Hartmann

Dieses Porträt Egon Hartmanns erschien zu seinem 75. Geburtstag am 24. August 1994 in den Mainzer Vierteljahresheften, 14. Jahrgang, Heft 3. Wir dokumentieren den Beitrag aus Anlass des 90. Geburtstag von Egon Hartmann in diesem Jahr.

Beim Wiederaufbau Meilensteine gesetzt

Es gibt nur wenige Städte, die nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg so umfassend und gleichzeitig so kontrovers überplant wurden wie Mainz. Mehr als fünfzehn Stadtplaner, darunter Namen von internationalem Rang, unterbreiteten unterschiedlichste Vorschläge für den Wiederaufbau der neuen Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz.

Die breitgefächerte Palette spannt sich dabei von den Aufbauplänen der Professoren Karl Gruber und Paul Schmitthenner, die auf der Grundlage des historischen Stadtgrundrisses basieren, bis hin zu den Visionen des Franzosen Marcel Lods, der unter Berücksichtigung einer Traditionsinsel um das Schloss in einer radikalen Utopie Mainz zur modernsten Stadt der Welt umstülpen wollte.

Diese Planungen sind bereits baugeschichtlich ausführlich behandelt, Merkwürdig ist jedoch, dass ausgerechnet der Planer, dessen Vorschläge maßgebende Grundlage bei der späteren Realisierung waren, bei bisherigen Betrachtungen übergangen wurde: Dr.-Ing. Egon Hartmann, der wie wohl kaum ein zweiter sowohl im Westen als auch im Osten Deutschlands beim Wiederaufbau zerstörter Städte Meilensteine gesetzt hat. Sein 75. Geburtstag soll Anlass einer längst überfälligen Würdigung sein.

Wiederaufbauplan für Mainz von Egon Hartmann 1955Der Wiederaufbauplan für Mainz von Egon Hartmann aus dem Jahr 1955 weist eine zweite Rheinbrücke im Zug der Kaiserstraße auf. Lange Zeit war dafür auch im rechtsrheinischen Raum Gelände freigehalten worden.

Egon Hartmann wurde am 24. August 1919 in Reichenberg im Sudetenland geboren. 1938 schloss er an der dortigen Staatsgewerbeschule das Bauingenieurstudium ab und arbeitete danach bei dem Architekten Henry König in Berlin.

Als Panzer-Pionier erlebte er den Zweiten Weltkrieg von Anfang an und nahm in Polen, Frankreich, Jugoslawien sowie Russland an vier Feldzügen teil. Die schwerste seiner vier Verletzungen erlitt er bei der Kesselschlacht Kurland im November 1944. Der Verlust des Unterkiefers und eine hochgradige Verengung des Kehlkopfes hatten rund fünfzig Operationen und zwölf Jahre künstliche Atmung zur Folge.

Trotz dieser körperlich hohen Belastung studierte Hartmann – im steten Wechsel zwischen Operations- und Zeichentisch – an der Hochschule für Baukunst und Bildende Künste in Weimar unter den Professoren Gerd Offenberg, Gustav Hassenpflug sowie Hermann Henselmann Architektur, schloss bereits 1948 die Diplomhauptprüfung mit „Sehr gut“ ab und war die beiden folgenden Jahre an der gleichen Hochschule Assistent bei Prof. Hassenpflug, der dort den Lehrstuhl für Städtebau inne hatte. In dieser Zeit fertigte Hartmann für die Ostseestadt Wolgast den Generalbebauungsplan mit Hafenprojekt.

Große Bleiche MainzSo würde heute die Große Bleiche im unteren Abschnitt aussehen, wenn es nach den Planvorstellungen von Egon Hartmann gegangen wäre.

Als Chefarchitekt und technischer Leiter des Thüringischen Landesprojektierungsbüros für Stadt- und Dorfplanung bearbeitete Hartmann zwischen 1950 und 1953 die Flächennutzungsplanungen für etwa dreißig Städte. Darüber hinaus über trug man ihm die Gestaltung des Erfurter Stadtzentrums und die Ausführungsplanungen für das dortige Regierungsviertel. Sein Verwaltungshochhaus für die Landesregierung Thüringen aus dem Jahre 1950/51 führte damals wegen seiner geradezu aufreizenden Schlichtheit moderner Prägung zu heftigsten Diskussionen.

Über Nacht weitbekannt wurde Hartmann, als er 1951 im Wettbewerb für die städtebauliche und architektonische Gestaltung der Stalinallee in Berlin gegen die gesamte Prominenz der Starplaner den ersten Preis gewann. Zur Ausführung des Abschnitts B der Stalinallee unterhielt er dann neben seinem Städtebaubüro in Weimar gleichzeitig ein örtliches Büro in Berlin.

Seine politische Ungebundenheit, aber auch die Hoffnung auf eine wirksamere Behandlung seiner Kriegsverletzungen führten dazu, dass Hartmann 1954 in den Westen übersiedelte. Auf Empfehlung seines Hochschullehrers und später langjährigen Freundes Gerd Offenberg – mittlerweile Referent für Städtebau im Ministerium für Finanzen Rheinland-Pfalz – begann Hartmann am 13. Juli 1954 seinen Dienst im Hochbauamt der Stadt Mainz. Damals gab es in dieser Stadt we der ein Stadtplanungsamt noch einen Flächennutzungsplan – ein unverständlicher Tatbestand in Anbetracht der anstehenden Aufgaben des Wiederaufbaus einer im Krieg fast völlig zerstörten Stadt.

Nach dem Scheitern der Lods-Pläne

Nachdem die französischen Planungen unter Marcel Lods einer „ville verte“ für Mainz im Frühjahr 1948 gescheitert waren, erarbeiteten die städtischen Mitarbeiter Adolf Bayer und Richard Jörg bis zum Jahre 1952 Strukturuntersuchungen und Wiederaufbaupläne, denen es wegen einer difformen Verkehrsgrundlage an einem stadtbaukünstlerischen Gesamtkonzept mangelte. Bei genauerer Betrachtung waren die Jörgschen Pläne kaum brauchbar, denn sie enthielten kein Gespür für das Wesen der Mainzer Altstadtstruktur. Der Stadtrat ließ sich jedoch von der pompösen Präsentation blenden, glaubte an die langfristige Gültigkeit dieser abgeschlossenen Planung und löste das Stadtplanungsamt als überflüssig auf. Diese Kurzsichtigkeit musste die Stadt danach jahrelang büßen.

Erst mit dem sogenannten „Preuskerprogramm“ im Jahre 1955 begann ein neuer Anlauf des Wiederaufbaues der zerstörten Mainzer Innenstadt. Das Wohnungsbauministerium in Bonn stellte unter dem damaligen Minister Preusker der Gutenbergstadt die finanziellen Mittel für den Bau von 2000 Wohnungen zur Verfügung. Der Leiter des Hochbauamtes, Oberbaurat Lahl, entwarf hierfür in Anlehnung an seine Altstadtplanung von 1954 inselförmige Teilbebauungspläne mit entsprechenden Modellen ohne übergreifenden städtebaulichen Gesamtzusammenhang. Als Architekt und Mitarbeiter des Hochbauamtes war Hartmann an verschiedenen Ausführungen beteiligt.

Erster zusammenhängender Aufbauplan

Ohne Auftrag und außerdienstlich nach Feierabend erarbeitete er 1955 eine städtebauliche Gesamtplanung im Maßstab 1:5000 für die Mainzer Altstadt. Diese Überlegungen bestechen neben ihrer sauberen städtebaulichen Gliederung durch ein konsequent durchdachtes Verkehrskonzept. Auf der Grundlage seiner bereits privat gefertigten, eingehenden Untersuchungen über die Alt- und Neustadt, über einen Aussenring, über verbindende Fußgängerwege und Grünanlagen konnte Hartmann im gleichen Jahr in der neuen, noch dem Hochhauamt unterstellten Abteilung Stadtplanung den ersten zusammenhängenden Aufbauplan der Mainzer Innenstadt abschließen, der sich durch eine äußerst gewissenhafte Bearbeitung auszeichnet.

Es lohnt sich, diesen Plan, der den Stadtgrundriss auch räumlich in eine schöne Ordnung gebracht hat, etwas näher zu betrachten. Wir sehen hier bereits die Pavillonbauten in der Ludwigsstraße dargestellt, die dann Jahre später von Baudezernent Dr.-Ing. Hans Jacobi umgesetzt wurden, oder den Vorschlag, das Empfangsgebäude des Hauptbahnhofes mit einem Querriegel über die Gleisanlagen zu erweitern und somit den Anschluss an die westliche Entwicklungsachse anzubinden. Eine bestechende Idee, die heute noch in manchen Planerköpfen spukt.

Die wesentliche Aussage dieser Grundsatzplanung ist jedoch das in sich schlüssige Verkehrskonzept als Rückgrat städtebaulicher Fortschreibung. In Anlehnung an die Planung von Prof. Schmitthenner aus dem Jahre 1946 schlägt Hartmann in der Verlängerung der Kaiserstraße eine zusätzliche Brücke über den Rhein vor, die zur Entlastung der Haupterschließung im innerstädtischen Verkehr dienen soll. Angebunden an einen äußeren Ring legte er Hauptstraßenzüge fest, die sich an die Gegebenheiten anschmiegen und durch untergeordnete Parallelstraßen einen inneren und äußeren Parkring mit Fußgängerwegen von maximal achtzig Meter Länge anbieten. Diese koordinierte Auffassung eines Verknüpfens von ruhendem und fließendem Verkehr hat gerade unter heutigen Gesichtspunkten eine enorme Aussagekraft.

In dem mit Jahresbeginn 1957 neu gegründeten Stadtplanungsamt wurde Hartmann stellvertretender Amtsleiter. Aus dieser Zeit stammt seine Skizze zu einem Flächennutzungsplan, der auch die rechte Rheinseite und einen knapp gefassten Umgehungsring enthielt. Die Brücke im Zuge der Kaiserstraße wurde hierbei zugunsten einer nördlichen und einer südlichen Flussüberquerung aufgegeben.

Flächennutzungsplan Mainz 1957Diese Studie von Egon Hartmann aus dem Jahr 1957 zum Flächennutzungsplan ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil hier der „Mainzer Ring“, die Stadtautobahn, noch ganz eng an den Stadtkern herangezogen ist, was damals zum Glück von Bundesverkehrsminister Seebohm verhindert wurde.

Auf dem Abstellgleis

Im gleichen Jahr begann Dr.-Ing. Hans Jacobi in Mainz seine Tätigkeit als Baudezernent und Bürgermeister. Mit ihm kam es zu neuen Planungsansätzen, die ganz dem Zeitgeist entsprechend anfangs radikal und später modifizierter von der autogerechten Stadt mit absoluter Trennung von Fuß- und Fahrverkehr ausgingen. Hartmann, der die radikale Idee für falsch und in der Praxis undurchführbar hielt, lehnte eine fachliche Zusammenarbeit auf dieser Basis ab und landete zwangsläufig auf dem Abstellgleis. Mit einem kleinen Mitarbeiterstab erstellte er in dieser Zeit der ihm auferlegten Planungsabstinenz eine exakte Bestandsaufnahme des Stadtgebiets samt seinem Umland. Diese Kartierung bildete die Grundlage für den späteren Flächennutzungsplan.

Anfang 1958 erteilte die Stadt Professor Dr. Dr. Ernst May den Auftrag für eine Gesamtplanung. Hartmann und seine engsten Mitarbeiter H. Großmann, K.-H. Klein und W. Schmidt wechselten daraufhin von der Stadt in das Büro des Planungsbeauftragten. Bereits im Sommer 1958 hatte dieser Planungsstab einen Entwurf für den Aufbauplan der Innenstadt im Maßstab 1:1000 erarbeitet, der die Altstadt und die Neustadt umfasste. Ihm vorausgegangen waren zwei exakte Kartierungen im gleichen Maßstab, getrennt nach dem Bestand der Gebäude und nach deren Nutzung.

Bekannt geworden sind diese Planungen vor allem wegen der Entkernung der ursprünglich geschlossenen, stark überbauten Blöcke und der Öffnungen an den Ecken, die einer besseren Durchlüftung dienen sollten. Um eine beweglichere Gestaltung zu ermöglichen, wurde die alte Bauordnung abgelöst und die Geschossflächennutzungszahl eingeführt.

Der Flächennutzungsplan von 1959 im Maßstab 1:5000, von den städtischen Körperschaften fälschlicherweise als „Aufbauplan“ zum Beschluss erhoben, trägt in der Differenzierung, in der Gliederung und in der Flächengestaltung des gesamten Stadtgebietes eindeutig die Handschrift von Hartmann. Prof. May griff auf die bisher von Hartmann erarbeiteten Grundlagen beziehungsweise Planungen zurück und überließ diesem die Fortschreibung.

Über sein eigentliches Aufgabengebiet hinaus beschäftigte sich Hartmann während seiner Mainzer Zeit mit weiteren Planungen. 1958 erhielt er bei dem großen international ausgeschriebenen städtebaulichen Wettbewerb für die Hauptstadt Berlin den zweiten Preis.

Hartmanns Rheinuferplanung

Erwähnens-, weil bemerkenswert, ist auch Hartmanns Studie aus dem Jahre 1958 für die Mainzer Rheinuferbebauung mit Rathaus, Hotel und Stadthalle, Er entwarf eine zusammenhängende Baugruppe für den Bereich zwischen Fischtor und Brückenkopf mit räumlich gestalteten Plätzen unterschiedlicher Größe, die sich nach allen Seiten, vor allem aber zum Rhein hin, orientierten. Ein Forum, das der großartigen Lage der Stadt Mainz am Rhein entsprechen und gleichzeitig als Auftakt zu der faszinierenden Raumfolge am Dom dienen sollte. Nach eigenen Angaben hatte Hartmann ursprünglich in einem Gesamtmodell die Baugruppe hinter die Rheinuferpromenade zurückgesetzt. „May war sehr angetan, doch dann spreizte er seine zehn Finger und schob die ganze Baugruppe bis an den Uferrand vor. So haben wir sie dann in unseren Aufbauplan eingetragen.“ (Zitat Hartmann)

Rheinufer Mainz 1958Bereits aus dem Jahr 1958 stammt diese Studie von Egon Hartmann zur Rheinuferbebauung, die später in einer anderen Konzeption ausgeführt wurde.

Beim Rathaus war der Ratssaal erkennbar von außen zur Stadt hin ausgerichtet. Die Räumlichkeiten für den Oberbürgermeister waren mit Sicht zum Rhein auf einer Dachterrasse aufgesetzt. Das Erdgeschoss erhielt eine Galerie. Die kammartigen Baublöcke boten Möglichkeiten für Büros oder andere städtische Dienststellen und für ein Hotel. Im flachen Baukörper lagen Konferenzräume und Säle, entlang der Rheinuferpromenade Läden, Geschäfte und Boutiquen. Zum Rhein hin auf der Fußgängerebene war eine überdeckte Terrasse vorgeschlagen, darüber, im ersten Geschoss, eine lange Freiterrasse vor den Restaurationsbetrieben. Vor der Stadthalle lag ein räumlich gefasster Platz mit den Anlegestellen für die Schiffahrt. Den nördlichen Abschluss bildete eine Funkhalle oder ein Hallenschwimmbad. Der freigebliebene Halleplatz bot Möglichkeiten zum Parken. Bei einer Verlegung des gesamten ruhenden Verkehrs in eine Tiefgarage hätte dieser Bereich eine große Grünanlage zwischen Rathaus und Stadthalle bilden können.

Das Rheinufer hätte mit dieser städtebaulichen Gliederung eine kontinuierliche Folge von Kommunikationsbereichen erhalten. Ein Aspekt, den die schroffe Haltung der gebauten Realität zum Rheinufer heute arg vermissen lässt. Seinerzeit wurde Hartmanns Planung nicht weiter vertieft, um dem Wettbewerb der Stadt nicht vorzugreifen.

Prof. May hatte den Wunsch, dass, nach Beendigung seines Auftrags in Mainz, Hartmann die Leitung des Stadtplanungsamtes übernehmen sollte. Auf eigenen Wunsch schied dieser jedoch am 15. Juli 1959 aus dem Dienst der Stadt Mainz aus und zog nach München. Die Gründe lagen nicht nur in den dort für ihn günstigeren klimatischen Verhältnissen, sondern auch in den ihm angebotenen verlockenden Aufgaben, die seinen Fähigkeiten eher entsprachen.

Neue Aufgaben in München

In wechselnder Arbeitsgemeinschaft mit den Professoren Guther, Steiner, Leibbrand und Jensen erarbeitete Hartmann von 1960 bis 1963 den Stadtentwicklungsplan für die bayerische Landeshauptstadt, wechselte danach als Baudirektor zur Stadt München, fertigte 1964 deren Flächennutzungsplan und entwarf danach die drei Entlastungsstädte Schleißheim, Freiham und Perlach – letztere eine Satellitenstadt für 80.000 Einwohner.

Heute lebt Dr.-Ing. Egon Hartmann als vielbeschäftiger Bildhauer, Maler und Buchautor in München. In einem Punkt bleibt er der Stadt Mainz auf immer verbunden: Während seiner fünfjährigen Tätigkeit in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt promovierte er an der Technischen Hochschule in Darmstadt über das Thema: „Mainz – Analyse seiner städtebaulichen Entwicklung.“ Diese Forschungsarbeit zeigt in besonders prägnanten Plandarstellungen und textlichen Erläuterungen die durchgängige Entwicklung vom Römerkastell zur Industriestadt des 20. Jahrhunderts, erschien 1963 als Buch und gehört heute für jeden zur Pflichtlektüre, der sich mit Mainzer Stadtplanung und Stadtbaugeschichte beschäftigt.

Nachtrag

Am 6. Dezember 2009 starb der Urbanist (so der Titel seiner autobiografischen Erinnerungen) Dr.-Ing. Egon Hartmann im Alter von 90 Jahren in München. Den Nachruf, geschrieben von seiner ältesten Tochter Renate Beck-Hartmann, dokumentiert der Werkbund in seinem Blog: http://www.dwbrlp.de/blog/egon-hartmann

24. August 1994
Autor: Rainer Metzendorf

Egon HartmannStädteplaner Dr.-Ing. Egon Hartmann