Stadt und Touristik 

Ken­nen­ler­nen . Erle­ben . Erinnern

Wenn man eine Stadt – und sei es die eigene – ken­nen­ler­nen will, dann gibt es viele und ver­schie­den­ar­tige Mög­lich­kei­ten, — eine davon ist der in vie­len Städte prak­ti­zierte Ein­satz eines „Bähn­chens“. So ein vor­nehm­lich von Tou­ris­ten genutz­tes, meist und in Viel­zahl von einer „Loko­mo­tive“    gezo­ge­nes Wag­gon­ge­fährt soll einen raschen Über­blick und Ein­blick in das Stadt­ge­füge und das erste Her­an­füh­ren an beson­dere Sehens­wür­dig­kei­ten  ermög­li­chen. Bei aller kaum ver­meid­ba­ren Informations-Oberflächlichkeit sol­cher Ein­stun­den­fahr­ten blei­ben diese und das Gefährt mit dem dabei gewon­ne­nem Ein­druck von der Stadt in fes­ter und lang­wir­ken­der Erinnerung.

Eine Stadt, die auf ihr dabei in die Welt getra­ge­nes Image und ihr Anse­hen Wert legt, ist also gut bera­ten, vor dem Ein­rich­ten und Frei­gabe sol­cher „Touristen-Attraktion“ und nach einer Erpro­bungs­zeit eine gründ­li­che Image-Analyse durch­zu­füh­ren, über Art und Gestalt des Fahr­zeu­ges zu bera­ten und Fach­kun­dige zu hören und an der Aus­ge­stal­tung des Fahr­we­ges und des Gesag­ten zu beteiligen.

In Mainz begann man 1972 mit dem Ein­satz von dem von einem motiv­neu­tra­len PKW-„Sattelschlepper“ gezo­ge­nen Mainzer-„Promille-Bähnchen“.  Diese zu sehr auf Wein­se­lig­keit aus­ge­legte Beför­de­rungs­ein­rich­tung wurde schon bald wie­der auf­ge­ge­ben und eingestellt.

Zur Bele­bung, För­de­rung und Aus­bau der inner­städ­ti­schen Ein­kaufs– und sich aus­deh­nen­den Fuss­gän­ger­be­rei­che  wur­den 1987 im Zuge der Stadt­ent­wick­lungs­ge­sprä­che als Attrak­tion, aber auch zur Nut­zung durch  ältere Men­schen und Geh­be­hin­derte, kleine „lus­tige“ Ein­kaufs­bähn­chen, die regel­mäs­sig die ver­schie­de­nen Park­häu­ser ansteu­ern soll­ten, vorgeschlagen.

Die­ser Gedanke und die­ser Vor­schlag sind, zusam­men mit Über­le­gun­gen über die Gestal­tung der Geh­wege, der Rekla­men, der Vor­dä­chern oder glä­ser­nen Über­da­chun­gen, auch heute noch wert, dis­ku­tiert und durch­dacht zu werden.

2003, ange­regt durch den Fund des Isis­tem­pels, den gestaltan­neh­men­den Aus­gra­bun­gen am Römi­schen Thea­ter und den restau­ra­ti­ven Bemü­hun­gen an der Zita­delle, brachte eine Gruppe fach­kun­di­ger Bür­ger eine stadt­ge­schicht­lich fun­dierte, aus­ge­legte  und mainz­ty­pisch gestal­tete Stadt­bahn („Bähn­chen“) wie­der und unter­su­chend ins Gespräch.

2007 nah­men der Bau­de­zer­nent und die  Stadt­ver­wal­tung  stadt­sei­tig Ver­hand­lun­gen mit Betrei­bern in ande­ren Städ­ten auf und erteil­ten dann auch einem die­ser Anbie­ter die Betriebserlaubnis.

Ein Jahr fährt seit­dem ein vor­mals in Trier ein­ge­setz­ter  Lokomotiv-Waggon-Zug ein­fa­cher Art und Bau­weise auch in Mainz, — erfreu­li­cher­weise beför­dert seit eini­gen Tagen eine andere „Loko­mo­tive“ Tou­ris­ten  und Gäste in  n e u e n  sta­bi­len  Wag­gons, die mit ihren ver­glas­ten Türen und geglie­der­ten Kon­struk­ti­ons­ele­men­ten schon eher dem Anse­hen einer Lan­des­haupt­stadt gerecht wer­den, durch die Gas­sen und Stras­sen der Innen­stadt. Das Bild der Stadt und die Erin­ne­rung wer­den ent­spre­chend geprägt  Und was bleibt nach einer mit Tou­ris­ten aus Japan und Eng­land durch­ge­führ­ten Fahrt? :Die Erin­ne­rung, durch mehr oder weni­ger brei­ten Gas­sen und Ver­kehrs­stras­sen  mit Bau­ten der Nach­kriegs­zeit und eini­gen his­to­ri­schen Gebäu­den gefah­ren zu sein  und, ja, auch ein­mal kurz den Rhein gese­hen zu haben, — nicht viel mehr..

Kein Wun­der, dass diese Stadt auf der soeben in der Wochen­zeit­schrift  DIE ZEIT erschie­ne­nen bebil­der­ten Deutsch­land­karte von den 19 Städ­ten, aus denen man Stadt– und Motiv-Postkarten mit schö­nen Grüs­sen schickt, nicht zu fin­den ist.

Nun ist es aber nicht so, dass  Mainz  zu wenig oder nur Unbe­deu­ten­des zu bie­ten hätte, son­dern ganz im Gegen­teil eher so, dass  die Viel­zahl der image­prä­gen­den Ein­rich­tun­gen und Gebäude nur ein­sei­tig und halb­her­zig  oder zu wenig her­aus­stellt wer­den  und offen­sicht­lich zu wenig ver­stan­den wird, den bau­li­chen Reich­tum stadt­bild­pfle­ge­risch ein­zu­ord­nen und die Lage und Funk­tion der Stadt auf bei­den Ufern des Rheins gebüh­rend hervorzuheben.

Wobei wir wie­der bei dem dun­kel­wein­brau­nen “Bähn­chen“ wären:

Kei­nes­falls sollte die Idee und die Mög­lich­keit, die Stadt fahr­bar ken­nen­ler­nen und so im wahrs­ten Sinne des Wor­tes „erfah­ren“ zu kön­nen, mit all­zu­viel und vor­ei­li­ger Kri­tik belas­tet und bei­seite gescho­ben wer­den. Im Gegen­teil sollte jetzt auf­grund der ers­ten Versuchslauf-Erfahrungen kon­struk­tiv dar­über nach­ge­dacht wer­den, wie ein MAINZER  Bähn­chen aus­se­hen und end­gül­tig far­big  gestal­tet wer­den könnte, wo man  — einen ers­ten Über­blick gewin­nend -  ein­stei­gen  sollte, wel­che Bau­ten und Plätze man — Zusam­men­hänge ver­tie­fend — anfährt, wie die Hal­te­stel­len­schil­der gestal­te­risch Gutenberg-Qualität erhal­ten können

und wie die End­stelle einen erin­ne­rungs­star­ken Rück­blick auf  Stadt und Rhein ermöglicht.

So ein zen­tra­ler Punkt könnte die Rat­haus­platt­form sein.

Diese ange­ho­bene Ebene mit dem Blick auf und über den Rhein wäre für Gäste, die von den Schif­fen kom­men, aus den Omni­bus­sen vor der Theodor-Heuss-Brücke aus­stei­gen, ihre Hotels zu Fuß ver­las­sen, ihre Kon­gress­sit­zun­gen unter­bre­chen oder aus der Stadt und dem Brand­ge­biet mit der Tou­ris­tik­zen­trale im Brü­ck­en­turm  sich nähern,  gut erreich­bar — und einprägsam.

Zur Vor­be­rei­tung der Rund­fahrt, zum Über­blick und Erfas­sen der Struk­tur der Stadt sollten

zwei „greif­bare“ Stadt­mo­delle – eines mit der mau­ern­ein­ge­eng­ten Fes­tungs­stadt und ein Modell von heute – auf der Platt­form auf­ge­stellt und vor­han­den sein.

Mainz, — eine erin­nerns­werte Stadt.


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6. Oktober 2009
Autor: Hellmut Kanis