Stadt und Rathaus
Vorausschauen Einfügen . Annehmen
Wenn in einer Stadt mit Tradition und Geschichte ein markantes Gebäude errichtet werden soll, muss Weit– und Voraussicht geübt werden. Es muss vorausgeschaut und die städtebauliche Veränderung des Stadtgefüges – beginnend beim Verkehr – berücksichtigt werden ‚- auch wenn, wie in Mainz in den 50iger Jahren, noch alles in Trümmern liegt oder eine Brache besteht.
So wurde in Mainz der erste Großbau nach dem Krieg bezugnehmend zur Peterskirche von der Strassenfront der Großen Bleiche zurückgesetzt, die Stockwerkshöhen und die Traufe auf das noch nicht wieder aufgebaute barocke Museum abgestimmt und durch das Anordnen von in engen Abständen stehenden „Säulen“ ( tragende Pendelstützen ) vor den Fensterfronten ein adäquates Gegenüber und durch die städtebauliche Zurücknahme und dem Einfügen in Bescheidenheit ein dominierendes und unverwechselbares Mainzer Bauwerk geschaffen.
Dieser zeitlos moderne Bau der Landesbank und Girozentrale wurde und wird von den Bürgern mit großer Selbstverständlichkeit angenommen, — in städtebaulicher Sicht: er fällt nicht (mehr) auf.
Als nach dem Bau der Rheingoldhalle erstmals wieder – nach 500 Jahren - ein Rathaus am Rheinufer neben den „Patrizierhäusern“ an der Uferstrasse und im nötigen Distanz-Abstand zu dem Hallenbau vor dem Brandgebiet gegenüber Mainz-Kastel unter Berücksichtigung des Blickes auf den Dom eingefügt werden sollte, stellte sich eine ähnliche, Rücksicht auf die bauliche Umgebung nehmende, eine einfügende, aber Dominanz und eigenes Profil erfordernde Lösungs-Aufgabe.
Der Architekten-Wettbewerb erbrachte mit der den Blick auf den Dom freigebenden Schrägfrontstellung und Kompaktlösung einen unumstrittenen ersten Preisträger, – wenn man von den noch immer rumorenden Stimmen, die den Bau an einer anderen Stelle oder eine Rathausnutzung im kurfürstlichen Schloß vorgeschlagen und propagiert hatten, absieht. Auch die Form– und Gestalt gebende Anordnung der einerseits gliedernden und andererseits der Einheitlichkeit und Dominanz dienenden Vorhanggitter wurde akzeptiert, — dem von der Farbenvielfalt der umgebenden Gebäude sich absetzende Einsatz von farbneutralen Natursteinplatten wurde nach langen Diskussionen ebenfalls in breiter Mehrheit zugestimmt.
Dieser markante Rathausbau der Stadt Mainz ist „einzigartig“ ( Peter Schau, AZ. 07.08.2009) und „herausragend“ ( Alfred Haenlein, AZ 12.08.2009), –er hat sich in seiner Respekt und Würde ausstrahlenden Form, Gestalt und Stellung mit großer Selbstverständlichkeit eingefügt und gegenüber Veränderungen an anderen platzbildenden Bauten behauptet, — die Stadt kann – könnte - stolz darauf sein.
Dem ist aber leider (noch) nicht so: er blieb vielen „Mainzern“ in seiner nordisch kühlen Zurückhaltung irgendwie fremd, irgendwie nicht recht dazugehörend, irgendwie fern „da vorn am Rhein“.Der Platz und Raum vor dem Rathaus –jenseits der stark befahrenen Rheinstrasse — wurde und wird nicht mit Leben erfüllt und bisher kaum angenommen.
Den Gründen eines solchen Verhaltens und Empfindens sollte und muss sorgfältig und einfühlend analysierend nachgegangen, — sie müssen gefunden und berechtigte Einwände ausgeräumt werden.
In der Verfassung und den Statuten der Stadt Siena in der Toskana steht und wurde schon 1285 festgeschrieben: „… wer regiert „muss vor allem die Schönheit der Stadt im Sinne haben, zu Freude und Entzücken der Besucher, wegen der Ehre, des Wachstums und des Wohlstandes der Stadt und der Bürger…“
Statt die Schönheit des „kristallinen Rathausbaues“ zu preisen und zu loben, erhebt sich in Mainz im Jahre 2009 herbe Kritik am Zustand und Gestalt des denkmalgeschützten Gebäudes. Ein Journalist glaubt die Gründe rumorender Volkesstimme und Stimmung mit der Überschrift „Beamte hinter Gitter“ treffsicher erfassen zu können.Auslöser solcher Artikel und der detailbezogenen und gesamten Kritik zum jetzigen Zeitpunkt war die Bekanntgabe der angestauten und nunmehr anstehenden Reparatur– und Sanierungskosten.
Kosten dieser Art entstehen nach 35 Jahren bei allen alternden Gebäuden, insbesondere dann, wenn ein Gebäude nicht mit grosser Sorgfalt über den ganzen Zeitraum beobachtet, gepflegt, gewartet und, wenn nötig, rechtzeitig repariert worden ist. Es kann jetzt und hier nicht darüber diskutiert und gerechtet werden, ob und welche Vernachlässigungen in vergangenen Jahren vorliegen, aber wenn diese Sanierungsmaßnahmen – zumal bei der prognostizierten Höhe – jetzt dringend und unumgänglich geworden sind, dann sollte und muss darüber nachgedacht und überprüft werden, wie man technisch modernisieren, kommende Unterhaltungskosten minimieren und. erkannte Mängel beseitigen kann.
Nicht zuletzt muss aber darüber hinaus auch sehr gründlich und weitfassend diskutiert und darüber nachgedacht werden, wie das Gebäude städtebaulich besser und mit welchen ergänzenden Massnahmen an– und eingebunden und dadurch von den Bürgerinnen und Bürgern mit großer Selbstverständlichkeit und ohne Vorbehalte zukünftig angenommen werden kann und wird.
Zunächst sei auf einige immer wiederkehrende, häufig vorgebrachte Kritikpunkte eingegangen: Die Fassadengitter Auch wenn seinerzeit die Architekten selbst von einer Sonnenschutzfunktion der den Fensterfronten vorgestellten Gitter sprachen und diese damit technisch begründet haben, so kann kein Zweifel daran bestehen, dass diese „Vorhänge“ vornehmlich dazu dienen, dem Bauwerk eine großzügige Einheitlichkeit und unverwechselbare gestalterische Ganzheitlich und Geschlossenheit zu geben, — sie sind unverzichtbar und unveränderbar.
Wenn , wie es sich herausgestellt hat, das grossgliedrige Gitterwerk bei tiefstehender Sonne die Strahlen ungehemmt durchlässt, sodass sogar im Winter die Klimaanlage auf Kühlung gestellt werden muss, so ist dieser kostenerzeugenden störenden Erscheinung mit geringem Aufwand dadurch beizukommen, dass zwischen Gitter und Fenster je nach Bedarf bedienbare Sonnenschutz-Jalousinen angeordnet werden. Das Erscheinungsbild und die Gesamtarchitektur werden dadurch nicht gemindert oder gestört.
Die Klimatisierung: In der damaligen unkritischmodernen Bauzeit wurde die Klimatisierung der Gebäude „modern fortschrittlich“ und technisch hörig zum „Standard“ erhoben, – und sei es bei den Schulungsgebäuden der Frankfurter Banken oben auf den Taunushöhen.Auch der Mainzer Stadtrat wollte auf der Höhe der Zeit sein und beschloß, eine aufwendige Klimaanlage einzubauen. Eine der Folgen war, dass vor den bis auf den Boden reichenden Fensterflächen große schattengebende Klimatruhen auf den Boden gesetzt wurden. Da auch hohe Deckenstürze Schatten werfen, entsteht für den Hereintretenden ein blendender „Sehschlitz“, sodass er das Zimmer selbst als dunkel empfindet, diese „Dunkelheit“ dem Gitter anlastet und zum Ausgleich auch tagsüber die Deckenleuchten einschaltet.
Die Natursteinverkleidung: Eine Aussenwandkonstruktion mit Dämmung und im Abstand vorgehängter „Schale“entspricht auch heute noch – auch mit Natursteinplatten - uneingeschränkt dem Stand der Technik.Nach Vorlage und Diskussion verschiedener Steinsorten, darunter der in Mainz bei Gewänden übliche rote Sandstein, wurde der vom Architekten vorgeschlagene Porsgrunn, der „im Alter seine Schönheit behält“, gewählt. „Trotz der exponierten Lage wurde weder in Form noch mit Farbe einem Vordrängen das Wort geredet, sondern auf die historischen Gebäude, den Dom, das Deutschhaus und das Kurfürstliche Schloß Rücksicht genommene; ihre bisherige Darstellungskraft wird nicht überspielt. Je weniger farbliche Annäherung an diese historischen Gebäude erfolgt, je heller und neutraler die Farbgebung gewählt wird, um so mehr wird die gestalterische Absicht Wirklichkeit, umsomehr wird dem Rathaus dieser Zeit zum Selbstverständnis und eigener Behauptungskraft – würdig und im Einklang mit dem wertvollen historischen Gebäuden dieser Stadt — verholfen“ (Städtebaubeirat)
Wenn in der Zwischenzeit sich Verankerungen gelockert haben, einzelne Platten vorspringen, sich wölben und womöglich sogar abfallen, so ist die damals vorgesehene Hinterlüftung und die gewählte Verankerungskonstruktion zu überprüfen und gegebenenfalls zu verstärken und zu verbessern. Natürlich ist auch der Frage nachzugehen, ob die Plattendicke des gewählten Gesteins verankerungskonform ist oder Fehler bei dem Schnitt und Auswahl der Platten vorliegen. Diese und andere technische Fragen und Probleme sind von einem mit neutralen und ungebundenen Experten besetzten Bauausschuss zu klären, verschiedene Lösungen und Sanierungsmaßnahmen zu diskutieren und Vorschläge, auch im Hinblick auf zukünftige Unterhaltungskosten, gegeneinander zu stellen und sorfältig abzuwägen. Dann erst kann der Stadtrat fundiert und sachlich Entscheidungen treffen und Maßnahmen einleiten.
So schwierig, kompliziert und kostenträchtig diese technischen Entscheidungen auch erscheinen mögen, — sie können mit der nötigen Nüchternheit und Sachlichkeit eindeutig begründet und verantwortungsvoll getroffen werden..
Die eigentliche Frage und Problematik für die Zukunft sind aber, wie kann es gelingen, dass das Gebäude, die Rathausplattform, der Rathausplatz insgesamt und das Rheinufer als Bestandteil des Lebens in der Stadt einbezogen und mit großer Selbstverständlichkeit angenommen werden, — die Frage ist, wie und wodurch kann es gelingen , dass die Bürgerinnen und Bürger sich im Umfeld des Rathauses heimisch und auch Gäste sich wohlfühlen..
Dabei wäre im Grundsatz dem leicht abzuhelfen:
Die Zufahrt müßte nur von der – verkehrsberuhigten – Rheinstrasse über den zu Fuß auch vom Dom aus erreichbaren Fischtorplatz und dem rathausnahen Teil der Uferstrasse hin zu der für den Zugang vorgesehenen, breit ausladenden ( an Alte, Behinderte und Rollstuhlfahrer hat man damals noch nicht gedacht ) , Treppe ermöglicht und entsprechend gestaltet werden. die vorhandene Benennung und Strassenbezeichnung „Am Rathaus“ bekäme den rechten Sinn.
Für die Aktivierung des Eingangs und der Vorfahrt am Rhein müßte im Zuge der Renovierungsarbeiten neben der von der Grünüberwucherung befreiten Treppe ein behindertengerechter Aufzug eingebaut werden. Den seinerzeitigen Planungsvorstellungen folgend käme man über die Treppe oder den Aufzug zuerst an den „Bürgersaal“ , dann durch die für Informationen und Ausstellungen vorgesehenen Rathaushalle zu den Aufzügen und Treppen zu den Obergeschossen und/oder auf der anderen Seite durch den Garagenausgang auf die vorgelagerte Rathausplattform mit der Brückenverbindung zum Einkaufszentrum „Brand“ und den Plätzen vor dem Dom und Theater.
Für dieses Wiederöffnen des Rathauses zur Rheinseite müsste im Zuge der anstehenden Generalüberholung neben der Empfangstreppe ein behindertengerechter Aufzug eingebaut und auf der ebenerdigen Eingangsebene vielleicht und zum Beispiel auch, um vorfahren zu können, die Touristikzentrale untergebracht werden.Die Plattform – und darauf kann nicht oft genug hingewiesen werden – , die durch das Überdecken der Garagenvorfahrt und das Vorrücken des Hallenanbaues verkleinert und beengt wurde, stellt nicht den eigentlichen „Platz“ dar: Städtebaulich wird der Platzraum durch die schräggestellte Front des Rathauses, durch die gegenüberliegenden Front der Rheingoldhalle und stadtseitig durch die Kaufhauswand hinter dem Eisernen Turm der alten Stadtmauer gebildet.
Damit dies auch so erlebt und genutzt werden kann, sollte und müßte dieser Rathausplatz durch eine zweite – wieder hergestellte – Überbrückung der Rheinstrasse auf der Hallenseite, durch eine Überdachung des „Omnibusbahnhofes“ — mit Aufzügen ( auch als Ersatz der abgerissenen Behindertenspindel )– an der Quintinsstrasse und mit einer breiten Stegverbindung hinter dem Eisernen Turm und vor dem Kaufhaus ergänzt und so ein „Rundgang“ ermöglicht werden.
Auf der Rheinseite könnten über einen vorgesetzten Landesteg die von den Schiffen kommenden Gäste herauf– und herangeführt und vor dem Rathaus begrüßt und eingewiesen werden. Die breite und geschlossene gläsenere Wand des auf diesen Platzraum eingreifenden Anbaues der Rheingoldhalle könnte seinen abweisenden Eindruck dadurch verlieren und eine verbindende Funktion übernehmen, in dem dort, wie in einer Wettbewerbsarbeit schon vorgeschlagen, eine Konzertmuschel und Bühne angeordnet und eingebaut wird.
Mainz bekäme ohne Störung von Bewohnern und Anliegern zwischen Dom und Rhein einen höchst interessanten und eindrucksvollen Musik– und Theaterplatz, — die neutrale Platzwandgestaltung des Rathauses käme voll zur Wirkung und dieser Nutzung entgegen, — Mainz käme an den Rhein.
Mit Recht genießt das Mainzer Rathaus Denkmalschutz, –
die Mainzer können stolz auf ihr einzigartiges Rathaus sein.
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