Die Kaniskolumne2

Aus der Kar­taus in Mainz

Sehr ver­ehrte Lese­rin­nen und Leser, -

der Werk­bund ist ein Ort kri­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen und Dis­kus­sio­nen, eine Kolumne, columna, ist e i n e der tra­gen­den Säu­len des Werk­bund­ge­bäu­des, — sie ist ein
M e i n u n g s b e i t r a g und zugleich Anre­gung , über den Tag hinauszusehen.

Dabei ste­hen nicht allein aktu­elle und orts­be­zo­gene Streit­the­men im Vor­der­grund, son­dern all­ge­meine und grund­le­gende Pro­bleme und The­men der Zeit und Zukunft. Die Kanis-Kolumne will ermun­tern, immer ein­mal gedank­lich „in Klau­sur zu gehen“ – los­ge­löst von Per­son und Namen unvor­ein­ge­nom­men in eine klös­ter­li­che Klau­sur,- allein „irgendwo“ und nicht zuletzt zu zweit oder in einem klei­ne­ren Kreis dis­ku­tie­rend — namens– und geschichts­be­zo­gen sich in einer „Kar­t­aus­klau­sur“ findend.

Das ist ein anspruchs­vol­les Vor­ha­ben, — wir soll­ten es ver­su­chen, — ich will damit vor­an­ge­hen, viel­leicht auch pro­vo­zie­ren, — ver­su­chen wir ins Gespräch zu kom­men, — ver­su­chen wir, Gedan­ken und Mei­nun­gen offen dar­zu­le­gen, — ver­su­chen wir, zuzu­hö­ren und auch – noch — uto­pisch erschei­nen­den Vor­stel­lun­gen und Gedan­ken zu fol­gen und diese in Rea­li­täts­nähe zu brin­gen und dafür Wege und Mit­strei­ter zu fin­den, — ver­su­chen wir werk­bund­ge­recht vor­aus­zu­den­ken und zu pla­nen, — las­sen wir uns, von der Jugend anregen.

Begin­nen wir mit dem Aus­gangs­ort der Kolumne,- begin­nen wir mit der Kar­taus in Mainz:

Die­ser Wohn­hof wurde in den Jah­ren 1911 und 1912 aus den Mit­teln des Rei­ches errich­tet. Hier stand das im Jahre 1840 erbaute Fort Kar­taus, benannt nach dem einst in der Nähe gele­ge­nen Kar­täu­ser Klos­ter. Nach­dem ein kai­ser­li­cher Erlaß von Gibral­tar aus am 18. März 1904 die Nie­der­le­gung der älte­ren Stadt­be­fes­ti­gung ver­an­laßt hatte, fiel im Jahre 1908 mit der Umwal­lung auch das Fort Kar­taus. Zur Erin­ne­rung an die Geschichte die­ses Plat­zes führt der Wohn­hof den Namen Kar­taus“, — steht auf der Rück­seite des in die­sem Som­mer wie­der mit einem Alt­ge­häu­se­über­bau zurück­ge­stal­te­ten Brun­nen. Die um den Platz ste­hen­den unter­schied­li­chen Dop­pel­häu­ser sind der Gestal­tungs­form des im 17. Jahr­hun­dert ruhm­voll wir­ken­den Pari­ser Archi­tek­ten Mans­art nach­emp­fun­den, — um aber die bei einer stil­ge­rech­ten Aus­füh­rung eines Mans­art­da­ches, — bei der die Regen­rinne direkt an der Haus­wand liegt und die Pfos­ten des stei­len Ober­ge­schoß­da­ches rd. 1.00 ein­sprin­gen, auf der Decke las­ten und so die nutz­bare Flä­che der Räume dem Erd­ge­schoß gegen­über ent­spre­chend ver­klei­nern -, ent­ste­hen­den Ein­schrän­kun­gen zu ver­mei­den, lie­ßen die ratio­nal und nüch­tern den­ken­den und han­deln­den Inge­nieur­bau­meis­ter die Decken über dem Erd­ge­scho­ß­un­ter­bau im Gegen­satz zu „ech­ten Mans­art­dä­chern“ rd. 1,00 m vor­sprin­gen und ver­klei­de­ten die­sen Vor­sprung mans­art­gleich mit dem, aller­dings vor­ge­rück­ten, Ober­ge­schoss­steil­dach , sodaß die Dach­pfos­ten die Dach­last hier­bei direkt auf die Wände abtra­gen und die Nutz­flä­che mit der des Erd­ge­schos­ses gleich­bleibt. Auch das mili­tär­ge­schulte Den­ken der Fes­tungs­bau­meis­ter hin­ter­ließ Spu­ren: statt die Abzwei­gung und Zufahrt von der Göt­tel­mann­strasse aus g e r a d e in den Wohn­hof zu füh­ren, gaben sie die­ser einen deut­li­chen Knick, — ein­ge­denk des Wis­sens und Erfah­rung, dass man dadurch nicht so ein­fach hin­ein­schie­ßen konnte ( und wie bei der Zita­del­len­zu­fahrt, auch bes­ser ver­tei­di­gen ) konnte. Heute hält die­ser Knick den Lärm der Göt­tel­mann­strasse fern.

Wie Erfah­run­gen und Pra­xis­wis­sen ver­lo­ren gehen kön­nen , zeigt sich bedau­er­li­cher­weise bei der Jahre 2008 durch­ge­führ­ten Umrüs­tung der Stras­sen­la­ter­nen von Gas auf Strom : „die Alten“ wuß­ten, dass man die Later­nen auf den Stirn­sei­ten eines zu umfah­ren­den Plat­zes, um nicht hin­der­lich zu sein – sei­ner­zeit für Pfer­de­fahr­zeuge mit Deichsel-, auf der Innen­seite der Krüm­mungs­stre­cke, also nicht auf dem schma­len Geh­weg, son­dern auf dem Insel­platz zu ste­hen haben.

Die der­zei­ti­gen Pla­ner der Stadt­werke lie­ßen nach dem Gebot: „Stras­sen­la­ter­nen ste­hen auf dem Fuß­weg­rand“ neue Fun­da­ment­gru­ben aus­he­ben und Fun­da­mente schaf­fen und setz­ten auch die stirn­sei­ti­gen Kan­de­la­ber auf den Rand des Fuß­we­ges, — zur Erschwer­nis aller ein­fah­ren­den und schen­ken­der Fahr­zeuge, — ins­be­son­dere der stadt­ei­ge­nen oder beauf­trag­ten Müll– und Versorgungsfahrzeuge.

Das im Brun­nen­text erwähnte Kar­täu­ser Klos­ter stand von 13231781 mit­ten in den Wein­ber­gen am Rhein gegen­über der Main­mün­dung im Bereich der jet­zi­gen Hotel­an­lage „Favo­rite, — es war mit der 1320 voll­zo­ge­nen Grün­dung die erste Kar­taus auf dem eigent­li­chen Boden Deutsch­lands. Dann folg­ten bin­nen dreier Jahr­zehnte wei­tere Kar­tau­sen : Grünau im Spes­sart, Trier, Koblenz, Straß­burg, Köln, Frei­burg, Würz­burg und Tückel­hau­sen, — nach der Pest im 14. Jahr­hun­dert begann der Orden sich mit der Grün­dung der Kar­taus in Erfurt im Jahr 1372 in ganz Deutsch­land auszubreiten.

Nach der gro­ßen Blü­te­zeit im 14. und 15.Jahrhundert fol­gen Ver­nich­tung und Rück­zug. Erst 1860 ent­stand wie­der eine– die ein­zige – Kar­taus: Maria Hain bei Düs­sel­dorf. Im 20. Jahr­hun­dert rückte der Lärm der Gross­stadt und des Flug­ha­fens an dies Oase der Stille heran. Beim Aus­bau und Erwei­te­rung des Flug­ha­fens Lohaues muß­ten die Ein­sied­ler­mön­che ihren Stand­ort auf­ge­ben und wei­chen, — sie kauf­ten von dem Erlös einen Bau­ern­hof – heute als Gärt­ne­rei genutzt – und Fel­der im All­gäu und bau­ten nach den Plä­nen des Archi­tek­ten Emil Stef­fann / Bad Godes­berg bei Sei­branz 19621964 die Mari­enau, — eine zeit­los moderne Klos­ter­an­lage des Ein­fa­chen. Die vom Prior geneh­migte Besich­ti­gung am 1. Mai 1980 und die bei dem Rund­gang mit dem Biblio­the­kar, Pater Hubert M. Blüm, geführ­ten Gesprä­che, sowie ein klei­ner Schrift­ver­kehr, sind feste Erin­ne­rungs­be­stand­teile, — sie stell­ten eine erin­ne­rungs­starke Ver­bin­dung zum alten Erst-Standort in Mainz her.

( Ver­öf­fent­li­chun­gen: Orden­schrift „Mari­enau“ ‚Anton H. Kon­rad Ver­lag , 7912 Wei­ßen­born, „Die Kom­mune der Ere­mi­ten“, Sonn­tags­blatt, Nr.11, 16. März 1980, „Kom­ple­xi­tät des Ein­fa­chen“ Gis­berth Hüls­mann, BAUKULTUR 6/80 „Pro­jekt zum Neu­bau der Kar­tause bei Sei­branz“, Rai­ner L. Neusch „Die Main­zer Kar­taus“, Boss­mann / Mainz )

Aus der Ordens­schrift : „…Man spricht heute viel vom Dia­log zwi­schen reli­giö­sen und poli­ti­schen Grup­pen. Ech­ter Dia­log ist aber erst mög­lich, wenn beide Par­teien fähig und bereit sind, sich zu sam­meln und im Grunde der Seele einer höhe­ren Wahr­heit Gehör zu schen­ken. Fehlt dies, dann ist das Zwei­ge­spräch hoff­nungs– und aus­sichts­los. Man darf also ohne Para­dox sagen, daß die Haupt­sa­che bei jedem Dia­log das Still­schwei­gen ist, die Bereit­schaft der Spre­chen­den, sich jen­seits der Worte zu treffen…“

Der Werk­bund ist Ort kri­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen und Dis­kus­sio­nen“, — er ist bereit und bemüht sich, echte Dia­loge zu führen.




Kommentar

  • ein ein­zig­ar­ti­ger Wohn­hof, diese Kar­taus — und gar nicht jedem Main­zer bekannt. Schon län­ger gibt es die Idee, einen „Füh­rer der Wohn­ar­chi­tek­tur“ in Mainz und Umge­bung zu schrei­ben. Der müsste auf jeden Fall die MAN-Arbeitersiedlung in Mainz-Gustavsburg ent­hal­ten, die Dyckerhoff-Siedlung in Amö­ne­burg, den Fich­te­platz und die Fran­zo­sen­sied­lun­gen in Gon­sen­heim, auch neuere Wohn­ar­chi­tek­tur der Wohn­bau in der Neu­städ­ter Nack­straße, von Ate­lier 5 auf dem Kästrich, Pro­jekte, die die nega­ti­ven Schlag­zei­len zur Wohn­bau etwas kor­ri­gie­ren — aber in der Kar­taus sollte man anfan­gen. Ein schö­nes Werkbund-Projekt wäre das, viel­leicht gemein­sam mit dem Werkbund-Jung und dem Mas­ter­stu­di­en­gang der FH Mainz „Woh­nen — Bestand & Ent­wick­lung“. Blei­ben wir dran? Steigt jemand ein?

    Emil Häd­ler

  • Sehr geehr­ter Herr Kanis,
    ich finde es prima, dass Sie die Geschichte die­ses Wohn­ge­bie­tes auf­ge­ar­bei­tet haben.

    Albert Edel­mann


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1. September 2009
Autor: Hellmut Kanis