Der Geburtstag 

30 Jahre Deut­scher Werk­bund Rheinland-Pfalz

Es geschieht nicht alle Tage, dass eine Hoch­schule sich in die Namens­ge­bung für die neue Straße, Zufahrt und den Zugang zum Hoch­schul­ge­lände ein­mischt und hier­für eine Per­sön­lich­keit mit Vor­bild­cha­rak­ter aus­wählt,
   die Fach­hoch­schule Mainz tat es,
   mit Lucy Hil­le­brand, in Mainz gebo­ren und auf­ge­wach­sen,
dem Geist und Zie­len des deut­schen Werk­bun­des ver­bun­den.
In den 20iger Jah­ren wurde sie als jüngs­tes Mit­glied beru­fen und aus­ge­zeich­net, in einem Jahr­zehnt, als Prof. Theo­dor Heuss – der spä­tere erste Bun­des­prä­si­dent – lang­jäh­ri­ger Geschäfts­füh­rer des deut­schen Werk­bun­des war.

Der Werk­bund mit sei­nen Indi­vi­dua­lis­ten, Frei­geis­tern und Frei­den­kern wurde im Drit­ten Reich ver­bo­ten, die Wie­der­grün­dung voll­zog sich schon bald nach dem Krieg, aber in der heu­ti­gen föde­ra­lis­ti­schen Län­der­struk­tur war es nicht ein­fach, erfor­der­li­che Zusam­men­schlüsse auf Län­der­ebene zu schaf­fen und wie­der zu einer gemein­sa­men Spra­che zu finden.

In neu gebil­de­ten Län­dern – wie in Rheinland-Pfalz – dau­erte es Jahre, bis es zu einem Zusam­men­schluss auf Län­der­ebene kam.

Am 12.12.1979 tra­fen sich im „Beicht­stuhl“ in Mainz eine Gruppe Rheinland-Pfälzer und die Geschäfts­füh­re­rin des Deut­schen Werk­bun­des Baden-Württemberg und grün­de­ten den Deut­schen Werk­bund Rheinland-Pfalz30 Jahre sind seit­dem ver­gan­gen – mit Auf und Ab.

Im Jahre 1982, wenige Jahre nach diese „Spät­grün­dung“ in Rheinland-Pfalz, wurde der in Mün­chen gegrün­dete Deut­sche Werk­bund e.V. ehr­bare 75 Jahre alt, da fragte sich der Pfäl­zer Gerd Heene, der an der Uni­ver­si­tät Kai­sers­lau­tern lehrte und der vor weni­gen Wochen – am 13.10.2009 – verschied,

 „Was schreibt man einem alten Freund zu des­sen Geburtstag“ ?

Er nahm sei­nen Skiz­zen­stift, zeich­nete einen Blick über das weite Land und schrieb:

 

LIEBER FREUND,

MEINEN HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH ZUM 75.,
GLÜCK UND GESUNDHEITGUTE VERRICHTUNG AUF’S JAHR 2000.…WAS DANN ?

.…. SOLL ICH DIRBITTE SCHÖNDAS KOMPLIMENT MACHEN,
DU SEIST NOCH SO JUNG, WIE IN DEN 60IGER JAHREN ?

.…..ABEREHRLICHLÜGEN WIR UNS NICHTS VORWIR ALLE, AUCH DU, HABEN UNSERE RUNZELNHAARAUSFALL .…..

.…..DU BIST NOCH IMMER ELITÄREN SINNES ! .….

.…..ALLE, DIE SICH UM DICH SCHAREN; HATTENS GENAU SO GEMACHT, WIE WENN SIE DICH NICHT GEHABT HÄTTEN —–

.…..MANCHMALSCHON OFTWOLLTE ICH DICHWUTENTBRANNTVERLASSEN

.……IMMER DANN; WENN DU DICH JÄHRLICH VON EINIGEN SCHAUMSCHLÄGERN UND PALAVERERN ( DIE NIE ETWAS GEBAUT, DESIGNT HABEN ) HAST VERTRETEN LASSEN

.……ODER WENN ICHMAL WIEDER DEINE ZEITUNG BEKOMMEN HATTE ( DIE NUR DIE LESEN, DIE ES OHNEHIN SCHON WISSENUND DIE SIE NIE BEKOMMEN, DENEN DAS, WAS DRIN STEHT, EINGEBLASEN WERDEN MÜSSTE.

.…..WARUM ICH DANN DOCH GEBLIEBEN BIN ?
FRAGICH MICH MANCHMAL AUCH !

.……DU HAST VIELES, DAS DICH UND UNS ALLE ANGEHT, MIT GROSSER LEIDENSCHAFT VERTRETEN. DEINE RUFE VERHALLTEN IM WALDEHALBSEIDENES IST GEFRAGT !!

.……MANCHES, WAS DU TATST, WAR AM DER REALIÄT VORBEI GETAN.

.……VIELES WAR RICHTIG GEDACHT UND GETANABER DIE ZEIT LIEF ANDERSLEIDER

.……NACHHER IST LEICHT URTEILEN

.……ABER ES GILT HEUTE MEHR DENN JE, DIEHEHRENZIELE ZU VBERTRETENWENN SIE RICHTIG SIND
GEGEN DIE MILLIONEN VON ERDKRUSTENVERSCHMUTZERN

.…..ABER WIR SIND DAZU: GROSSES ZU VERÄNDERNZU WENIGE

.…..TUN WIR ES DENNOCH !

.…..VIELLEICHT BIN ICH DESHALB IMMER NOCH GEBLIEBEN, WEIL ICH MEINE UND WEISS, DASS MAN IN DER GRUPPE MEHR VERMAG

.…..ZWEIFELSCHON WIEDER !!! MANCHMAL NÄMLICH NICHT !

.…..WAS WIRST DU ALSO IN DEN KOMMENDEN JAHREN TUN ?

.……GEHST DU UNTER DIE FACE-LIFTER ODER DIE POSTMODERNEN ?

.……ODER SOLLTEST DU NICHT RUHE, EINFACHHEIT, BESCHEIDENHEIT VERBREITEN .….

.….…ICH WEISS .….. DEINE FINANZIELLE SITUATION IST NICHT DIE BESTE !

.……ABER ES GIBT KAPITALIEN, DIE SIND NICHT IN PENUNZEN ZU ZÄHLEN

.……DU SOLLTEST KLARE ZIELE VERTRETEN. DIE MENSCHHEIT DES 20 JAHRHUNDERTS IST NICHT MEHRALTERNATIVZU ERHALTEN

.……UND AUCH DEN TECHNIKFETISCHISTEN MUSS MAN ES SAGEN

.……ICH  WEISS, DU BIST IN ZWIESPÄLTIGER VERFASSUNGABER DU HAST VIEL GRIPS IN DEINEM HIRN UND HAST TALENTEDARAUF KOMMT ES AN !

.……MORGEN .….

.……DU HAST KEINE NEUE IRRITATIONEN NÖTIG. GRADE IN UNSERER GEGEND SOLLTEN ES DEINE FREUNDE UND DU ERKANNT HABEN, AUF WELCHEM REICHEN UND TRÄCHTIGEM BODEN SIE NOCH IMMER STEHEN.

Dein Gerd Heene. “

Und er fügte das sein per­sön­li­ches Bekennt­nis an:

 „BAUEN ? WAS SOLL ICH DIR SAGEN, WAS UND WIE ICH’S TUE ? WERKBUNDGERECHT ?

ICH BAUE NUR FÜR MENSCHENHALTE WAS VOM MASSSTAB
FINDE DIESEN ÜBERALL IN UNSEREM NOCH IMMER HERRLICHEN EUROPA ! (MUSS NICHT NACH HAITI.)
BAUE MIT BEGEISTERUNNGNOCH IMMERTROTZ DER PARAGRAFEN
UND ALLDEM, WAS DEM PLANER HEUTSO WIDERFÄHRT.

PLANEN IST : IDEE UND PSYCHOLOGIE !
ICH MEINE NOCH IMMER, KONSTRUKTION SEI UNVERZICHTBARES GESTALTUNGSELEMENT IN DER ARCHITEKTURUND AUCH FUNKTION.

DAS KÜNSTLERISCHE ?
DUMME FRAGESELTEN HAT ES DIESE WELT MEHR BENÖTIGT ALS HEUTE !

WAS ICH AM LIEBSTEN TUE ?

( Hand­skizze: Hoher Berg mit wei­tem Blick über Land: hier sit­zen, sin­nie­ren, dösen…)

.…UND SELBSTVERSTÄNDLICH AN DER UNIVERSITÄT MIT DER JUGEND ARBEITEN, DEN ARCHITEKTEN UND STADTPLANERN VON MORGENSIE WERDEN’S NICHT LEICHT HABEN: MAN KANN SIE AUF DIESE ZUKUNFT NICHT MIT FORMALISMEN UND HOHLEN VERSPRECHUNGEN VORBEREITEN, SONDERN NUR MIT EHRLICHKLEIT, EINFACHHEIT, BESCHEIDENHEIT

 
Aus die­sem Werk­holz war eine Gene­ra­tion vor ihm auch die Main­ze­rin Lucy Hil­le­brand geschnitzt.
Wenn heute – im Jahre 2009 – eine Hoch­schule, eine Hoch­schule für Wirt­schaft, Tech­nik und Gestal­tung, diese Per­sön­lich­keit mit der Namens­ge­bung für die Erschlie­ßungs­straße ehrt und diese Ehrung durch das Anbrin­gen eines Namens­schil­des voll­zo­gen wird, so ist dies ein Bekennt­nis zu ihrer werk­bund­ge­präg­ten Hal­tung, ihrem freien Geist und ihrem vor­aus­schau­en­den Richtungsweg.

Diese Ehrung ist aber auch ein beson­de­res Geschenk zum 30igten Geburts­tag für den Deut­schen Werk­bund Rheinland-Pfalz, ein Geschenk und zugleich Ansporn für den Werk­bund, mit die­ser Hal­tung und Geist zukunfts­ge­rich­tet für die nächs­ten 30 Jahre anzu­tre­ten und der Jugend, den Stu­den­ten und nächs­ten Gene­ra­tion Rich­tungs­hil­fen zu geben.

In die­sem Sinne und mit die­ser Ziel­ge­bung wün­sche ich im Namen des Deut­schen Werk­bun­des der Fach­hoch­schule Mainz und den ver­schie­de­nen Fach­rich­tun­gen rege Dis­kus­sio­nen über Ziele und Wege unter– und mit­ein­an­der, Wach­heit und kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen und jugend­fri­sche Kraft und Mut  für ein Ein­mi­schen in die Zukunfts­dis­kus­sio­nen und Pla­nun­gen der Stadt, der Region und des Lan­des – über Gren­zen – im dop­pel­ten Sinne des Wor­tes – hinweg.

Dem Prä­si­den­ten, den Pro­fes­so­ren und allen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern danke ich, dass sie Lucy Hil­le­brand, Main­ze­rin und Archi­tek­tin der Moderne, als ste­tes Vor­bild gewählt haben und ehren.

Hell­mut Kanis


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8. Dezember 2009
Autor: Hellmut Kanis