Warum das Baudezernat der Stadt Mainz fachlich kompetent besetzt werden muss
Dokumentation der Rede von Prof. Dipl.-Ing. Emil Hädler am 10. Februar 2010 zur Wahl des neuen Dezernenten der Stadt Mainz für Bauen, Denkmalschutz und Kultur
Verehrter Herr Oberbürgermeister, sehr verehrte Mitglieder des Mainzer Stadtrats, meine Damen und Herren!
Hier im Ratssaal von Arne Jacobsen stehe ich nun, in diesem besten öffentlichen Raum, den Mainz nach dem Krieg bekommen hat, in einem demokratischen Wahlverfahren um die Besetzung der Stelle des Beigeordneten für Bauen, Denkmalschutz und Kultur der Stadt Mainz. Tatsächlich stehe ich vor Ihnen als Hochschullehrer, berufen an die FH Mainz für Denkmalpflege sowie als Vorsitzender des Deutschen Werkbunds Rheinland– Pfalz mit seiner breiten, interdisziplinären Ausrichtung von Planern und Architekten, über die Denkmalpflege bis zu Kulturschaffenden aller Gattungen. Das ausgeschriebene Profil ist von mir persönlich und von meinem Tätigkeitshintergrund inhaltlich abgedeckt.
Als parteiloser Fachmann stehe ich hier für die Fachverbände in Rheinland-Pfalz, den DWB, den Architekten– und Ingenieurverein, die Architektenkammer, den Bund Deutscher Architekten, und ich vertrete durch meine Bewerbung die Position für eine fachkompetente Besetzung der Dezernatsleitung in diesen schwierigen Zeiten, die Mainz bevorstehen. Ich stehe hier nicht als Kandidat eines politischen Lagers.
Vor die Wahl gestellt zwischen Politik und Sachkompetenz entscheidet der Stadtrat heute zwischen einer politischen Besetzung dieser Stelle und einer fachlich kompetenten Ausstattung an der Dezernatsspitze. Sie haben die Wahl zwischen zwei Personen, richtiger aber zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Modellen. Meinen Hut habe ich in letzter Minute in den Ring geworfen, damit Sie diese Wahl haben und nachher wissen, wofür oder wogegen Sie sich entschieden haben. Es geht ums Grundsätzliche für die Mainzer Stadtentwicklung der Zukunft.
Mainz – die Stadt
„Stadt“ ist die komplexeste anthropologische Organisationsform, die Menschen erfunden haben. Hochkulturen waren immer Stadtkulturen. Die Geschichte der Stadt erzählt die Geschichte der Menschheit. Heute steht die „Organisationsform Stadt“ vor einem kulturgeschichtlichen Umbruch: In Europa wächst die Stadt nicht mehr, sie schrumpft. In Mainz ist dies glücklicherweise noch nicht der Fall. Wir müssen uns aber auf das unausweichlich Kommende vorbereiten. Stadt muss weiter entwickelt werden, aber nicht mehr an ihren Rändern zum Umland, sondern innen. Dies steht richtig im Koalitionspapier der Ampel. Es steht aber nicht dort, was dies für Mainz bedeutet.
Stadtentwicklung gestaltet Kulturlandschaft
Stadtentwicklung ist die strategische Gestaltung einer Kulturlandschaft mit der Betonung auf „Landschaft“. Die Abkoppelung der Stadtentwicklung und Raumordnungsplanung von der Stadtplanung und dem Bauen, sie in unterschiedlichen Dezernaten anzusiedeln ist der folgenschwerste Fehler, den die Ampelkoalition zu verantworten hat. Stadtentwicklung auf Augenhöhe mit der Investorenleitstelle ist ein Programm, dem widersprochen werden muss. Die Weichenstellung für die nächste Generation findet in der Raumordnungsplanung statt. Die FDP wusste, warum sie in der Koalitionsverhandlung um dieses Ressort gekämpft hat – und sie wird die neu zugewiesene Kompetenz nach bestem Wissen und Gewissen nutzen.
Kontrolle der Stadtentwicklung
Dieses Modell muss kontrolliert werden. Nur ein fachlich kompetenter und in Stadtentwicklungsfragen erfahrener Baudezernent kann dem unausweichlichen Konflikt im Stadtvorstand inhaltlich standhalten. Deshalb muss dort ein Fachmann sitzen, um Projekte der notwendigen Gewerbeansiedlung mit einem Verständnis für die sich wandelnde Kulturlandschaft zu begleiten.
Städtebaubeirat
Nach Jahren der Abstinenz erhält Mainz wieder einen Beirat für Planung und Gestaltung – angesichts des Webfehlers im Zuschnitt der Dezernate notwendiger denn je. Im früheren Städtebaubeirat hatten wir Erfahrung mit Projekten, die von außen entwickelt plötzlich mit großer Eile umgesetzt und politisch durchgepeitscht werden mussten. Dieser Ansiedlungspolitik verdanken wir irreparable Fehlentwicklungen in Mainz. Keine regierende Partei der Vergangenheit ist dabei entschuldigt: Es herrschte Konsens. Deshalb ist es richtig, wenn künftig im Baudezernat ein Parteiloser sitzt. Der neue Beirat darf nicht nur am Baudezernat angebunden sein, er muss Vortragsrecht im Stadtvorstand haben.
Beteiligung der Bürger
Städtebau ist Brückenbau zwischen kontroversen Interessen. Das Bild der Stadt war immer das Abbild ihrer Herrschaftsverhältnisse. Deshalb ist „Stadtbaugeschichte“ eines der lehrreichsten Fächer für Planer und Architekten. Die demokratisch gewählten Lenker einer Stadt sollten sich in der Baugeschichte ihrer Stadt auskennen – der Baudezernent muss es. In einer demokratischen Gesellschaft sollte eine breite Mitwirkung der Bürger gewährleistet sein. Mainz hat auf diesem Gebiet gute Erfahrungen gemacht – mit dem Rheinuferforum, dem Hafenforum, dem Forum Regierungsviertel. Dieser Weg muss weiter beschritten werden: Ein Forum jährlich wäre die richtige Frequenz für die Beteiligung der Bürger.
Innenentwicklung statt Aussenentwicklung
Was aber heißt für Mainz „Innenentwicklung statt Außenentwicklung“? Mainz lebt nicht nur auf seinen Plätzen, sondern auch und vor allem in seinen Dörfern. Es ist eine Mainzer Besonderheit, dass die historische Stadt von alters her kompakt auf dem Schwemmkegel am Rhein angelegt wurde und von einem Kranz von Dörfern umgeben ist. Diese Entwicklung wurde durch Stadtbaumeister Kreyssigs genialen Neustadtentwurf noch verstärkt: Er kannte die Topographie seiner Stadt und gestaltete sie: Die Dörfer liegen oben, die Stadt mit ihren Plätzen unten – von Mombach abgesehen. Zwischen der Stadt und den Dörfern lag der Festungsgürtel, nach dessen Auflösung entstand die Oberstadt. Immer noch prägen Mainz sogenannte „in-between-spaces“, wie die Stadtplaner die Lücken und Nischen der „Zwischenstadt“ nennen aus aufgelassenen militärischen Liegenschaften, ehemaligen Häfen, nicht mehr gebrauchten Bahngeländen und anderen Distanzflächen zwischen Stadt und Umland. Heute bildet all dies zusammen die Kulturlandschaft von Mainz am Rhein.
Zwischenstadt entwickeln
Mainz muss diese gut erschlossene Zwischenstadt zum Schwerpunkt seiner Entwicklung machen – keinesfalls die Ränder! Diese Gebiete sind vom ÖPNV hervorragend erschlossen. Busse und Bahnen fahren hindurch, es steigt nur niemand ein oder aus. Sie liegen innenstadtnah und eignen sich deshalb für zentrale Funktionen der Versorgung und für familiengerechtes Wohnen. Und sie sind frei von Bindungen gestaltbar. Solche Potentiale hat Mainz zwischen dem Pariser Tor und Hechtsheim, vom Binger Schlag entlang der Mombacher Straße an der Steilhangkante bis zur Hochbrücke – auch vom Bismarckplatz über das Gleisdreieck bis Mombach. Vor allem der letztere Bereich bietet unschätzbare Möglichkeiten neben der Schott AG zwischen zwei Stadtteilen, die die Sozialraumstudie von Mainz als „Brennpunkte“ einstuft: die nördliche Neustadt und Mombach.
Soziale Stadt = Städtebau + Sozialpolitik
In der nördlichen Neustadt wurde begonnen. Ein Rahmenplan liegt vor und die Selbstverpflichtung der Ampel, hier einen Schwerpunkt der Entwicklung zu sehen ist unbedingt richtig. Aber das ist der Anfang und hier trifft sich Stadtentwicklung und Städtebau mit Sozialpolitik und Schulpolitik. In diesem Umfeld leben Menschen mit teilweise prekärem Hintergrund, die unsere besondere Aufmerksamkeit brauchen. Es sind nicht nur Migranten, sondern sozial unterstützungsbedürftige Familien, deren Heimat hier zu gestalten ist entsprechend den kulturellen und gesellschaftlichen Möglichkeiten, die sie mitbringen. Die Berliner Siedlung und die Elsa-Brandström-Straße müssen Schwerpunkte der Stadtplanung werden. Das Prestige einer Stadt lebt nicht nur von seiner polierten Vorderseite. Hier ist Stadtentwicklung gleichzeitig Integrationspolitik und dient der Stärkung der sogenannten „interkulturellen Kompetenz“ seiner Bürger, die richtigerweise im Koalitionspapier steht – aber nicht bei der Stadtentwicklung.
Die Metropole mit dem kleinen „m“
In dieser Zwischenstadt lebt die Metropole mit dem kleinen „m“ und ihrer Architektur mit dem kleinen „a“ für Wohnungs– und Schulbau, ihren Denkmalen mit dem kleinen „d“ für Lokschuppen, ehem. Kasernen, Kommissbrotbäckerei oder der Deportations-Rampe am ehemaligen Güterbahnhof. Und hier wächst jene Kultur mit dem kleinen „k“, mit ihren Akteuren in den Nischen, die die Kultur des Staatstheaters, des Konservatoriums, der Bibliotheken, Museen und der Kunsthalle am Zollhafen so ereignisreich beleben und unterstützen. Hier wächst die Generation nach, die letztlich die Kultur mit dem großen „K“ trägt und fortentwickelt. Für diesen Kulturbegriff stehe ich als möglicher Kulturdezernent.
Energetische Baubestandssanierung
Die Koalition schreibt sich Energieeffizienz ins Papier. Doch fehlt jeder Hinweis auf die systematische energetische Baubestandssanierung im städtebaulichen Maßstab. Es reicht nicht, einzelne Hauseigentümer von Fall zu Fall zu Maßnahmen zu bewegen. Die technisch und gestalterisch schlicht wieder aufgebauten Quartiere der 1950er und 1960er Jahre brauchen organisierte und beispielhafte Lösungen, die wirklich energie– und planungseffizient sind. Dies gilt für die Innenstadtgebiete in und am Rand der Citymeile genauso wie für Einfamilienhausgebiete am Rand der Mainzer Dörfer. Hier ist Energieeinsparung im großen Maßstab möglich – weit effizienter, als mit Photovoltaik auf „geneigten Dächern im Besitz der Stadt Mainz“. Das kann zusätzlich erfolgen.
Denkmalpflege
Dass mich meine Vita in besonderer Weise der Denkmalpflege verpflichtet, brauche ich nicht zu betonen. Allerdings muss betont werden, dass das 50seitige Koalitionspapier dem Denkmalschutz sage und schreibe 1½ Seiten widmet. Deshalb wird ein Dezernent für die Denkmalpflege gebraucht, der hier gegensteuert. Denkmalpflege muss das Stigma der Investitionsbremse verlieren. Sie ist das Gegenteil, wie uns zahlreiche Projekte im europäischen Maßstab zeigen. Denkmalpflege fördert das lokale Handwerk, erzeugt neue Arbeitsplätze und qualifiziert den Nachwuchs in selbständigen, erfüllenden Berufen. Im Umfeld der Denkmalpflege gründen sich innovative kleine Unternehmen, die flexibel auf den Arbeitsmarkt reagieren: Denkmalpflege ist ein Startup-Unternehmen! Es gibt Modelle, die es auch einer finanziell klammen Stadt Mainz ermöglichen, ein Kulturzentrum in der ehem. Kommissbrotbäckerei zu entwickeln. Dem Finanzdezernenten brauchen nicht die Haare zu Berge stehen. Das Baerwaldbad in Berlin-Kreuzberg ist ein Beispiel dafür, und auch das Schloss Freudenberg in Wiesbaden-Dotzheim, das ich seit 15 Jahren begleite und betreue. Dort haben wir mit straffälligen Jugendlichen aus der JVA Wiesbaden erstaunliche Ergebnisse in deren Lehrwerkstätten erreicht. Ein Arbeitsplatz für 40 Menschen wurde geschaffen. In Mainz können innovative Qualifizierungsprogramme für Jugendliche aus der Neustadt und Mombach die Brotbäckerei zu einem Leuchtturm der Sozialpolitik, der Kulturpolitik und der Denkmalpflege machen.
Eine neue Schule für Neustadt-Mombach
Ganz zuletzt ein Wort zur Schule: Mainz braucht eine vierte IGS. Und zwar eine mit bilinqual deutsch-türkischem Unterrichtsangebot in der Neustadt, oder in Mombach – oder in der Zwischenstadt?
Ich danke für die Aufmerksamkeit!
Prof. Dipl.-Ing. Emil Hädler

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