Gutenbergstadt Mainz: Per Express in die Blamage
3
Man traut seinen Augen kaum: Überall in der Innenstadt, also auch in Sichtweite des Gutenberg-Museums („Weltmuseum der Druckkunst“), erlaubte die Stadt Mainz einer Firma namens Römer-Express GmbH, voluminöse graue Haltestellenschilder für einen sogenannten „Gutenberg-Express“ aufzustellen. Mal abgesehen von der Tatsache, dass damit eine weitere Stufe in der Verschilderung des öffentlichen Raums erreicht ist: Die Reklamegrafik dieser Touristenbahn erinnert an üble typografische Verirrungen längst vergangener Zeiten – und verhöhnt damit seinen berühmten Namensgeber.
Über Sinn und Unsinn solcher Touristenbahnen lässt sich streiten. Aber warum die Verantwortlichen der Stadt Mainz hier offensichtlich von der Werbegrafik über die Stele bis zur Bahn selbst jeden Anspruch an Gestaltungsqualität aufgegeben haben, erschließt sich mir beim besten Willen nicht. Ist eine grinsende Lokomotive namens Gutenberg-Express das Bild, das Besucher von Mainz in die Welt tragen sollen?



verehrte Werkbündler,
es wäre verdienstvoll, wenn sich ein Mitglied aus unseren Reihen dieser Stadtverschandelung annehmen würde. Der Zug selbst ist an Kleinkariertheit nicht zu überbieten, aber wenigstens als „Mobilie“ nach kurzem Ärgernis hinter der nächsten Kurve verschwunden. Diese „Immobilien“ als Haltestellen sprechen hingegen jedem Versuch der Stadtbildpflege Hohn, für Verbesserungen zu sorgen. Wie kann ein Privatunternehmen die Erlaubnis bekommen, seinen Müll in den öffentlichen Raum zu stellen?
Also konkret: Nimmt sich jemand der Sache an?
Emil Hädler
1. Vorsitzender des DWB rlp
Verehrte Kollegen im Werkbund,
die Beschilderung der Touristikbahn ist Ergebnis eines Abstimmungsprozesses, der auf Grundlage der bestehenden Gesetzesgrundlagen und finanziellen Möglichkeiten erfolgte. Neben meiner Mitgliedschaft im Werkbund bin ich u.a. zuständig für die Stadtbildpflege in Mainz. Wenn über Stadtbildpflege im Werkbund gesprochen wird, liegt es doch nahe, zunächst den „Stadtbildpfleger“ anzusprechen. Gerne bin ich bereit, die Vorgehensweise, Zwangspunkte und Gestaltungsmöglichkeiten bei einem solchen Beschilderungssystem zu erläutern.
Andreas Schnell
„..Ist eine grinsende Lokomotive namens Gutenberg-Express das Bild, das Besucher von Mainz in die Welt tragen ..“ diese Frage,
lieber Herr Stefan von den Driesch, zeigt in aller und beängstigender Deutlichkeit die Problematik, die entsteht, wenn eine Stadt ( Verwaltung ) eine Idee, die Fremde, aber auch Einheimische, an die kulturellen Eigenheiten und sichtbaren Werte der Stadt heranführen soll, nur halbherzig übernimmt und dann die Entwicklung und Einbindung in das städtische Gefüge ohne seriösen Ansehens– und Namensschutz und ohne „jeden Anspruch an Gestaltungsqualität“ einer kleinkariert handelnden Provinzfirma überlässt.
Der Einsatz des offensichtlich in einer anderen „Römerstadt“ ausrangierten Gefährts hat in Art und Form keinerlei Bezug zu Mainz und zu dem heiteren frohen Geist dieser Stadt. Die von der Verwaltung zugestandene Fahrerlaubnis und das Aufstellen ungestalteter und verunzierender Schilder sind, wenn überhaupt, nur mit dem Hinweis auf eine „Probephase“ zu entschuldigen.
Aus rein rechtlichen Gründen wird die als „Steigerung der Attraktivität der Stadt Mainz“ angekündigte Einrichtung bis in den Herbst noch ertragen werden müssen, — das zuständige Dezernat sollte aber umgehend die der Firma zur Probe zugestandene Fahrerlaubnis kündigen und entziehen.
Der Deutsche Werkbund wäre in Vertretung der Bürger für den neuen Stadtrat sicher bei der Aufarbeitung der bei dem misslungenen Einsatz gewonnen Erfahrungen und der Erarbeitung von Statuten, die ein gestalterisches Optimum an Gestaltungswillen erkennen lassen und sicherstellen, und für die Festigung der Gestaltungskraft ein guter Berater und Partner, — er sollte sein Mitarbeit anbieten.
Mit besten Grüssen Ihr Hellmut Kanis
PS. So eine offizielle Mitarbeit würde auch die Einsatz– und Durchsetzungeskraft des „Stadtpflegers“ stärken und ihr zugutekommen.