Nachruf Egon Hartmann *24.8.1919, ✝ 6.12.20091

Seine Jugend ver­brachte unser Vater als Sonn­tags­kind in sei­ner gelieb­ten Hei­mat Rei­chen­berg. Als ein­zi­ges Kind von sehr flei­ßi­gen Eltern, die ihr Hand­werk als Deko­ra­teur­meis­ter und als Damen­schnei­de­rin gut ver­stan­den, ent­wi­ckelte er sich als sport­lich und zeich­ne­risch begab­ter Sohn schnell zu einem belieb­ten Mit­glied in sei­nen Freun­des­krei­sen. Er wagte viel und wurde aner­kannt, und wurde auch zum Schwarm der Mäd­chen. Aber er fand sehr rasch seine lebens­lange Liebe in Wal­traude, unse­rer spä­te­ren Mut­ter. Ein Tanz­leh­rer hatte das Vor­führ­paar sehr geschickt mit­ein­an­der ver­ban­delt. Die bei­den ver­stan­den sich auf Anhieb und ver­brach­ten wun­der­bare Jugend­jahre in ihrer Hei­mat, dem Sude­ten­land. Der Tanz, der Frei­luft­sport wie Wan­dern, Schwim­men, Ski­fah­ren ver­band die bei­den Jugend­li­chen und führte sie noch vor dem Kriegs­ende zum Traualtar.

Dr.-Ing. Egon Hartmann

Doch dann wurde das junge Glück durch jähe Schick­sals­schläge dau­er­haft beein­träch­tigt. Unser Vater wurde im Novem­ber 1944 durch eine schwere Kriegs­ver­let­zung, die ihn lebens­läng­lich zeich­nete, so nach­hal­tig getrof­fen, dass er sich meh­re­ren Dut­zend Ope­ra­tio­nen im Laufe sei­nes Lebens unter­zie­hen musste und im Gesicht durch den Ver­lust des Unter­kie­fers und einer dadurch erfolg­ten Gesichts­plas­tik stark ent­stellt wurde. Die Kriegs­ge­scheh­nisse, der Ver­lust der kör­per­li­chen Gesund­heit, die Ver­trei­bung aus der Hei­mat, der Ver­lust allen Hab und Guts und die Ver­streu­ung aller Ange­hö­ri­gen und Ver­wand­ten in unter­schied­li­che Him­mels­rich­tun­gen erzeug­ten Trau­mata, die ihre Spu­ren hin­ter­lie­ßen. Aber unser Vater und unsere Mut­ter kämpf­ten sich durch alle Hür­den und Kom­pli­ka­tio­nen hin­durch, und durch extre­men Fleiß und seine genia­len Zei­chen­ta­lente ver­schaffte sich unser Vater hohe Aner­ken­nung und hatte schon in sei­nen jun­gen Jah­ren bemer­kens­werte beruf­li­che Erfolge.

Seine Stu­di­en­jahre der Archi­tek­tur an der Wei­ma­rer Hoch­schule für Bau­kunst waren für ihn und für seine Frau nach dem Kriegs­ende und noch ohne Kin­der sicher­lich eine Art „age d’or d’études“, eine Fes­ti­gung des intakten,lebenslangen Freun­des­krei­ses und die Basis für erfül­lende beruf­li­che Pro­jekte. Als Chef­ar­chi­tekt gestal­tete er die städ­ti­schen Struk­tu­ren der so genann­ten Band­städte in Thü­rin­gen. Seine Glanz­punkte der frü­hen 50er Jahre waren der Bau des ers­ten Hoch­hau­ses nach dem Krieg in Erfurt, heute noch erhal­ten und Sitz des heu­ti­gen Thü­rin­ger Land­ta­ges, und sein von Fach­krei­sen heute noch bewun­der­ter Bau­ab­schnitt der Ber­li­ner Karl-Marx-Allee (ehe­mals Sta­lin­al­lee). Sein Gesamt­kon­zept für die Stalin-Allee brachte ihm den ers­ten Preis bei dem dafür aus­ge­schrie­be­nen Wett­be­werb ein, und so galt er fortan als Natio­nal­preis­trä­ger ers­ter Klasse in der dama­li­gen DDR.

Jedoch bewo­gen ihn meh­rere Gründe dazu, den guten Ruf als Archi­tekt, die sichere soziale Stel­lung, die schöné Woh­nung, die Nähe von Freun­den und Ver­wand­ten in Wei­mar auf­zu­ge­ben und gegen eine unsi­chere Zukunft in West­deutsch­land zu tau­schen. Die junge Fami­lie — inzwi­schen hatte das junge Paar zwei kleine Kin­der — fuhr mit dem Auto und etwas Rei­se­ge­päck im Jahre 1954 offi­zi­ell in Urlaub und kehrte nie nach Wei­mar zurück.

In die­sen schwe­ren Zei­ten nach der Flucht aus der dama­li­gen DDR leis­tete unsere Mut­ter uner­mess­li­chen Ein­satz, um die Fami­lie durch die Not­zeit zu brin­gen, wäh­rend sich unser Vater einer Gesichts– und Kehl­kopf­ope­ra­tion nach der ande­ren unter­zie­hen musste. Die beruf­li­che Kar­riere des jun­gen Archi­tek­ten setzte sich dann in Mainz fort, und die Flücht­lings­zeit, die Ver­tei­lung der bei­den Kin­der in Interims-Unterbringungen und der erneute Auf­bau einer Exis­tenz vom Null­punkt aus wur­den über­stan­den und über die Jahre gemeis­tert. Der Bei­stand der wohl­ge­sinn­ten Freunde und Weg­ge­fähr­ten tat unse­ren Eltern in die­sen Jah­ren beson­ders gut, denn der Kon­takt zu den eige­nen Ver­wand­ten, die hin­ter dem eiser­nen Vor­hang zurück­blei­ben muss­ten, war lange Zeit nicht mehr möglich.

Nach fünf­jäh­ri­ger Tätig­keit im Stadt­pla­nungs­amt der Stadt Mainz wurde die nächste Wir­kungs­stätte als Archi­tekt mit urba­nis­ti­scher Spe­zia­li­sie­rung die Stadt Mün­chen. Zunächst frei­be­ruf­lich für die Lan­des­haupt­stadt mit eige­nem Pla­nungs­büro tätig, dann als städ­ti­scher Beam­ter, gab unser Vater ent­schei­dende Impulse für urba­nis­tisch not­wen­dige Ver­än­de­run­gen in der immer noch durch die Kriegs­zer­stö­rung geprägte und sich durch Zuzug rasch ver­grö­ßern­den Stadt. Mit dem dama­li­gen Münch­ner Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Hans-Jochen Vogel ver­band ihn eine starke Sym­pa­thie. So ent­stand der erste Stadt­ent­wick­lungs­plan für Mün­chen unter der Feder­füh­rung von Egon Hart­mann. Neben dem vol­len beruf­li­chen Enga­ge­ment für die Stadt Mün­chen bewäl­tigte er zusätz­lich noch seine Dok­tor­ar­beit über die städ­te­bau­li­che Ana­lyse der Stadt Mainz. Die gedruckte Promotions-Arbeit ist bis heute ein Quell­werk für Gene­ra­tio­nen von Main­zer Architektur-Studenten.

Am Ende sei­ner dienst­li­chen Lauf­bahn in Mün­chen schmerzte es ihn jedoch sehr, dass seine Pla­nun­gen für die Tra­ban­ten­stadt Per­lach nicht die kon­krete Umset­zung erfuh­ren, die er vor­ge­schla­gen und aus­ge­ar­bei­tet hatte. Umso mehr erfüllte es ihn des­halb, dass er anschlie­ßend im Ruhe­stand, ganz per­sön­li­che Her­zens­pro­jekte mit vol­ler Hin­gabe und mit sei­nem gan­zen Ide­en­reich­tum und Kön­nen aus­füh­ren konnte.

Es war seine Hei­mat­stadt Rei­chen­berg im Sude­ten­land, die er in mehr­fa­cher „hom­mage“ wür­digte. Er gestal­tete einen Bronze-Brunnen mit mar­kan­ten Reli­efs zur Rei­chen­ber­ger Stadt­ge­schichte für die Part­ner­stadt Augs­burg. Er betrieb inten­sivste Geschichts­for­schung und schrieb ein Brunnen-Begleit-Buch zur Stadt­ge­schichte Rei­chen­bergs; eine erwei­terte Fas­sung folgte. Er malte zahl­rei­che Bil­der von Städ­ten und Land­schaf­ten sei­ner Hei­mat, und er pflegte die sude­ten­deut­schen Bezie­hun­gen in den Heimatkreis-Verbänden auf seine ganz per­sön­li­che, völ­lig unpo­li­ti­sche und unprä­ten­tiöse Art.

Der unein­ge­schränkte künst­le­ri­sche Beschäf­ti­gung mit sei­ner Hei­mat­stadt und dem Sude­ten­land konnte er dank sei­nes Raum bie­ten­den Eigen­hei­mes nach­ge­hen, das er in den sech­zi­ger Jah­ren ent­wor­fen und erbaut hatte, nach­dem die Fami­lie mit zwei wei­te­ren Kin­dern und einem Groß­el­tern­teil auf sie­ben Per­so­nen ange­wach­sen war. Das Haus war der Ort für die Ver­samm­lung der Fami­lie, die Mög­lich­keit der künst­le­ri­schen Gestal­tung in man­nig­fal­ti­ger Art, für die Pflege der hei­mat­li­chen Bezie­hun­gen, für gesel­lige Anlässe mit den Freun­den und Weg­ge­fähr­ten und auch für den Rück­zuge in unmit­tel­ba­rer Nähe des Erho­lung spen­den­den Wal­des. Hier emp­fin­gen und bewir­te­ten die Hart­manns viele Gäste, und der Erbauer und die hin­ge­bungs­volle Gast­ge­be­rin freu­ten sich über den Zuspruch der zahl­rei­chen Besu­cher. Nach und nach ver­lie­ßen Opa Pohl, die Kin­der Renate und Michael die elter­li­che Obhut. Die jüngs­ten Töch­ter Vita und Chris­tina blie­ben, wie es oft bei den Nest­häk­chen der Fall ist, wei­ter­hin unter den elter­li­chen Fit­ti­chen geborgen.

In der Frei­heit des Ruhe­stands unter­nah­men unsere Eltern meh­rere gemein­same Rei­sen in kul­tur­ge­schicht­lich inter­es­sante Lände wie Ägyp­ten, Israel, Tür­kei, Ita­lien, Grie­chen­land, Lan­za­rote, Hong­kong, und sie berich­te­ten mit Begeis­te­rung von ihren dor­ti­gen Erleb­nis­sen. Trotz aller Fas­zi­na­tion des Neuen, Unbe­kann­ten und kul­tur­ge­schicht­lich Hoch­in­ter­es­san­ten gin­gen ihnen immer ihre Rei­sen in die alte Hei­mat, das heu­tige Tsche­chien, am meis­ten zu Her­zen, ins­be­son­dere ihre Fahrt an den Ort ihrer Trau­ung: nach Chris­tophs­grund, wo sie die Wie­der­her­stel­lung ihrer Trau­ungs­kir­che durch Spen­den unter­stützt hatten.

Wahr­schein­lich wäre es für unsere Eltern das Schönste gewe­sen, wenn sie von ihren Kin­dern eine eben­bür­tige Lei­den­schaft für das Sude­ten­land erfah­ren hät­ten – was aber nie erfol­gen konnte, denn für uns, die Kin­der von Egon und Wal­traude, ist das Sude­ten­land die Fremde. Beide Eltern spra­chen auch Tsche­chisch, das sie in ihrer Kind­heit und Jugend als erste Fremd­spra­che erlernt hat­ten und in der sie sich unter­ein­an­der ver­stän­dig­ten wenn es um Dinge ging, die sie für Kin­de­roh­ren nicht geeig­net hielten.

Unsere Eltern haben 62 gemein­same Lebens­jahre mit allen Höhe und Tie­fen, die ein Men­schen­le­ben besche­ren kann, gemeis­tert. Beide Eltern haben in ihren gemein­sa­men Jah­ren nie kon­kret ans Ster­ben gedacht und viele unse­rer zukunfts­ori­en­tier­ten Fra­gen unbe­ant­wor­tet ver­drängt. So sind viele Dinge offen geblie­ben, die nun wir, die vier Kin­der, tra­gen, deu­ten, lösen und erfül­len sol­len. Wir wis­sen, dass unse­rem Vater der unwie­der­bring­li­che Ver­lust sei­ner gelieb­ten, treuen und für­sorg­li­che Ehe­frau und die Jahre als Wit­wer sehr schwer gefal­len sind, da er selbst immer von einem Able­ben vor sei­ner Frau aus­ging. Wir haben ihn auf­ge­fan­gen und durch inten­sive Betreu­ung vor dem gefürch­te­ten schwar­zen Loch bewahrt. Er hat mit vol­ler Ener­gie und uner­müd­li­chem Schaf­fen an sei­nem schrift­li­chen Lebens­werk, das in zwei Bän­den vor­liegt, gear­bei­tet. Nun ver­bleibt es als unsere Auf­gabe, den drit­ten Band, den er selbst nicht mehr in druck­rei­fer Ver­sion erlebt hat, fer­tig zu stellen.

Als ich heute bei den Grä­bern unse­rer Fami­li­en­an­ge­hö­rige auf dem Münch­ner Wald­fried­hof war, hatte ich spon­tan und instink­tiv den Gedan­ken, dass nun einige Vor­fah­ren, die aus nahe gele­ge­nen Geburts­or­ten im ehe­ma­li­gen Sude­ten­land stam­men, auf einem klei­nen, über­schau­ba­ren Fleck­chen Erde ver­sam­melt sind und alle ihre letzte kleine Hei­mat in Mün­chen besit­zen. Die­ser Gedanke hat mich sehr bewegt, aber auch zu dem Gefühl geführt, dass es doch etwas sehr Beru­hi­gen­des und Tröst­li­ches an sich hat, die Namen der letz­ten klei­nen Fami­lie rela­tiv eng ver­sam­melt auf die­ser Erde zu wissen.

Das andere, untröst­li­che Gefühl bleibt: jetzt winkt uns nach einem Besuch bei den Eltern kei­ner mehr für die Rück­fahrt nach. Die­ser Schmerz ist neu – und nie zuvor habe ich geahnt, wie sehr das elter­li­che Nach­win­ken feh­len könnte.

Nachruf_AZ_Egon_Hartmann




Kommentar

  • Ein Por­trät Egon Hart­manns erschien zu sei­nem 75. Geburts­tag am 24. August 1994 in den Main­zer Vier­tel­jah­res­hef­ten, 14. Jahr­gang, Heft 3 (Autor: Werkbund-Mitglied Rai­ner Met­zen­dorf). Wir hat­ten den Bei­trag aus Anlass des 90. Geburts­tag von Egon Hart­mann in die­sem Jahr doku­men­tiert: http://www.dwbrlp.de/projekte/mainz-rheinhessen/egon-hartmann
    Für den Herbst 2010 plant der Main­zer Alter­tums­ver­ein gemein­sam mit dem Werk­bund einen Egon-Hartmann-Abend, in des­sen Mit­tel­punkt sein Wir­ken in Mainz ste­hen wird. Wir infor­mie­ren recht­zei­tig über Ort und Termin.


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8. Dezember 2009
Autor: Renate Beck-Hartmann